Familie und Familienunternehmen unter einen Hut bringen

Familie und Familienunternehmen unter einen Hut zu bringen, hört sich fast wie die Quadratur des Kreises an. Du hast dein Unternehmen, das gedeihen soll und du hast Kinder, die gut versorgt werden wollen. Dazu wäre Unterstützung hilfreich. Eigentlich…
Doch Hilfe für sich immer wieder einzufordern kann ziemlich schwer fallen. Ich gehe der Frage nach, warum es uns mitunter schwer fällt, um Hilfe zu bitten. Mit einer kleinen Portion Mut und der To-do-Liste am Ende geht es dann vielleicht schon ein bisschen leichter.

Früher und heute

Eine Nachfolge anzutreten ist anfangs immer anstrengend und du befindest dich in völlig neuem Fahrwasser. Du spürst die Erwartungshaltung deiner Umgebung und die Frage, wie du dich in der neuen Position wohl schlägst. Bist du schon länger die Unternehmerin, dann weißt du, was du alles wuppen musst.
Du trägst die Verantwortung, damit der Laden läuft: nicht nur in der Rolle als Mutter, sondern auch im eigenen Unternehmen.
Wenn du dich an früher erinnerst, dann hat dein Vater sicher lange Arbeitstage am Schreibtisch verbracht. Das geht bei dir einfach nicht. Denn wenn dein Kind krank ist, eine Schulaufführung oder ein wichtiges Spiel ansteht – willst du da sein.
Also braucht es einerseits kreative Lösungen und andererseits den Mut, um Hilfe zu bitten, weil es gut für dich ist.

100% Energie

Werde dir darüber klar, dass du nur eine bestimmte Menge an Energie zur Verfügung hast um alles zu stemmen. Ein großer Teil geht dabei fürs Denken drauf, für das Gehen, die Verdauung, den Job usw. Wieviel Energie gestehst du dir selbst zu, damit du nicht langfristig krank wirst? Manche Menschen sprechen in diesem Zusammenhang sehr weise von Regenerationsarbeit, die geleistet werden muss und die auch ihre Zeit braucht. Kläre für dich, für welche Dinge deine Kraft und Zeit reichen und was du voraussichtlich nicht schaffen wirst. Kläre für dich auch, welche Ruhepausen du (noch) einrichten musst.

Ausgelacht und allein gelassen

Wenn du jetzt noch einen Schritt weiter überlegst und ehrlich mit dir bist, dann erkennst du, dass du lieber Abstriche am eigenen Wohlbefinden machst, als andere um Hilfe zu bitten.
Dahinter steckt bisweilen die harte Erfahrung von Ablehnung. Als junger Mensch hast du vielleicht wenig Unterstützung erhalten oder wurdest eventuell sogar ausgelacht, weil du bestimmte Dinge nicht alleine hinbekommen hast. Eine erlebte Ablehnung aktiviert im Gehirn die gleichen Areale wie körperlicher Schmerz.
Egal ob du überfordert warst – du hast dich durchkämpfen müssen. Zähne zusammenbeißen und durch… Dieses Denken kennst du – es war damals hilfreich.

Zwischen damals und heute liegen mit Sicherheit einige Jahrzehnte. Du hast dich weiterentwickelt und bist nicht mehr das zwölfjährige Mädchen, sondern eine erwachsene Frau mit Cleverness, Freundlichkeit und Lebenserfahrung. Frage dich ehrlich: Musst du nun schon wieder über deine Grenzen gehen??
Sagst du dir vielleicht, dass du erfolgreich sein musst, dass es funktionieren muss? Gute Leistungen wurden und werden honoriert. Leistung zählt in deiner Familie sehr viel. Hinter dieser Logik versteckt sich aber auch die Tatsache, dass bei „mangelhafter“ Leistung vermutlich Kritik zu erwarten war. Auch unausgesprochen.
In diesem „Kosmos“ bist du aufgewachsen, da kennst du dich aus. Und damit sind wir jetzt direkt bei deinem Gedankenrepertoire angekommen.

Was sollen die Leute von mir denken?

Du machst dir Sorgen oder Gedanken darum, wie du wahrgenommen wirst. Du hast innerlich die Schlussfolgerung gezogen: wer um Hilfe bittet ist inkompetent oder schwach. Grundlage für diese Gedanken sind deine Erfahrungen aus Kinderzeiten, die nun als Glaubenssatz bzw. Gedankenkonstrukt fest in deinem Inneren verankert sind.
In Situationen, in denen du um Hilfe bitten könntest, erzählst du dir diese Gedanken immer wieder: Wenn ich um Hilfe bitte, bin ich schwach. Schwachsein zeigt, dass ich unzureichend bin und es nicht allein auf die Reihe kriege. Vielleicht existiert das Um-Hilfe-bitten als Lösungsidee aber auch (noch) gar nicht in deinen Gedanken?

Ich frage dich an dieser Stelle 2 Dinge:

1. Warum ist es dir wichtig, von Menschen Anerkennung zu bekommen, die dich entwerten, weil du um Hilfe bittest?
2. Warum handelst du auch noch nach Jahrzehnten so, als ob du dich nicht verändert hättest?

Um Hilfe zu bitten kann den Selbstwert steigernWie siehst du die Sache, wenn andere Menschen um Hilfe bitten?

Denkst du auch, dass sie zu inkompetent oder zu schwach sind? Vermutlich nicht. Aber wenn es so ist, dann ist es ein Zeichen dafür, welch hohe Maßstäbe, du an dich selbst anlegst und welchem Bild du entsprechen möchtest. Dem Bild einer Frau, die völlig entspannt Familie und Firma im Griff hat, die ausreichend Zeit hat die sozialen Kontakte zu pflegen und dabei auch noch frisch manikürt ist? Wie realistisch ist das denn? Kann ein einzelner Mensch das alles ohne Hilfe schaffen?

Was denken andere, wenn sie um Hilfe gebeten werden?

Meistens löst diese Bitte im Gegenüber Gefühle von Stolz und respektiert Sein aus. Das wichtige Bedürfnis nach Lob bzw. Wertschätzung wird dadurch indirekt befriedigt. Man traut den gefragten Menschen zu, bei der Lösung eines Problems sehr hilfreich zu sein. Denke an den Unterschied wie du dich fühlst, wenn du entweder um Hilfe gebeten wirst, oder wenn du nicht um Hilfe gebeten wirst. Und überlege wie es sich anfühlt, wenn jemand zu dir sagt: „Du, ich bitte dich wirklich nur ungern um einen Gefallen, weil ich weiß, dass…“

In der Schuld anderer stehen

„Gibst du mir – so geb‘ ich dir!“ Das haben wir so oder so ähnlich häufig im Kopf. Wir gehen davon aus, dass wir uns damit verpflichten, und etwas zurückgeben müssen. Dabei berücksichtigen wir nicht, dass andere Menschen uns in der Regel gern helfen.

„Machst du mir den Anorak zu?“

Denke daran, dass es dir als Kind ganz leicht gefallen ist, andere um Hilfe zu fragen. Du solltest damals nur immer das kleine Wörtchen „bitte“ benutzen.
Glaubenssätze und negative Erfahrungen machen es dir Jahrzehnte später schwer, das zu tun, was völlig normal für uns Menschen ist.

60.000 Gedanken am Tag

Der Mensch denkt ca. 60.000 Gedanken am Tag. Und das Tag für Tag. Dabei ähneln sich die Gedanken, es sei denn wir haben einen ganz neuen und intensiven Input. Wie zum Beispiel bei einer Reise in die Arktis oder beim Erleben tiefer Emotionen.
Von diesen Gedanken ist uns der größte Teil, nämlich ca. 80%, gar nicht bewusst.
Wenn wir nun eine negative Sichtweise auf uns haben, weil wir glauben, dass wir schwach und unzureichend sind, wenn wir um Hilfe bitten, dann schaden wir uns selbst immens.
Denn dann machen sich diese Gedanken in unserem Gedankenkarussell breit und verfestigen sich weiter, weil wir sie ja in ähnlichen Schleifen unbewusst wieder und wieder denken.
Dein Selbstwertgefühl wird also nicht steigen, sondern du demontierst dich aus Versehen selbst. Jeden Tag ein Stückchen mehr.
Du könntest dein emotionales Leiden beim Bitten positiv verändern, wenn du entgegengesetzt handelst, also das „um Hilfe bitten“ übst. Du wirst sehen, es wird von Mal zu Mal leichter.
Und zwar aus folgenden Gründen:

1. Die eigene Hemmung überwinden, heißt souverän mit den Ängsten umgehen und dadurch das Gefühl von Stolz spüren.
2. Es ist eine totale Fehlannahme, dass nur „Schwache“ um Hilfe bitte. Das Gegenteil ist der Fall. Erst wenn dein Selbstwert stark genug ist und du z.B. die Angst vor Bewertung in Angriff nimmst, fällt es dir leichter, um Hilfe zu bitten. Menschen wirken kompetenter und stärker, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt um Unterstützung bitten.
3. Dein Selbstvertrauen und dein Gefühl der “Selbstwirksamkeit“ steigen, wenn du diese Aufgaben angehst.

Die Angst vor dem „Nein“

Ok. du ziehst in Erwägung dir helfen zu lassen – was aber wenn deine Bitte abgelehnt wird?
Dann könntest du wieder in deine übliche Selbstentwertungs- und Vorhersage-Schleife einschwenken: „Ich hab’s ja gewusst.“ Wenn du deine Bitte gut kommuniziert hast, ist es die Entscheidung deines Gegenübers, ob er deiner Bitte nachkommen kann oder will. Unter Umständen lassen es seine innere Haltung oder seine mangelnden Kraftreserven nicht zu, dich zu unterstützen. In jedem Fall schützt er seine Bedürfnisse. Versuche auf jeden Fall dich in Offenheit zu üben, auch noch weitere Menschen um Unterstützung zu bitten. Du darfst die Ablehnung auf dich persönlich beziehen, daran will ich dich nicht hindern. Du kannst sie aber auch als das nehmen, was sie ist: nämlich ein „nein“, ich kann/ ich will dir nicht helfen – ein „ja“ zu den eigenen Bedürfnissen, die deiner Bitte gerade entgegenstehen.

Um Hilfe bitten lernen

1. Mach dir klar, dass das um-Hilfe-bitten, eine bewusste Entscheidung ist. Bewusste Entscheidungen aber sind ein Zeichen von Stärke: du weißt, wo du gerade stehst, was noch geht und was nicht mehr.
2. Du bist die Chefin. Gehe nicht davon aus, dass Chefinnen alles allein können müssen. Auch Chefinnendürfen sich helfen lassen.
3. Formuliere deine Bitte deutlich, mit der angemessenen Dringlichkeit und wie die andere Person ganz konkret dazu beitragen kann.
4. Denke aber daran, Dinge nicht einzufordern. Eine Bitte ist nur eine Bitte und beinhaltet, dass sich dein Gegenüber entscheiden kann.
5. Die Dringlichkeit bzw. den Umfang herunter zu spielen ist kontraproduktiv. Die andere Person soll auch ermessen können, wieviel Zeit er einkalkulieren muss.
6. Wie würde ich mich denn fühlen, wenn mich jemand nur ‘ungern‘ um Hilfe bittet? Nicht so gut. Das passiert, wenn du dich für die Bitte schon im Vorfeld entschuldigst. Wenn du sagst, dass es sich nur um eine winzige Bitte handelt, oder du nur ‘ungern oder notgedrungen‘ fragst.
7. Akzeptiere ein klares Nein. Denn es nervt, wenn man trotz Klarheit erneut gefragt wird.
8. Wenn du keine Antwort erhalten hast, frage ein 2. Mal nach. Deine Bitte kann im Alltagstrubel untergegangen sein. Es ist legitim, ein 2. Mal zu fragen, wenn keine Antwort kam.
9. Bitten werden nachweislich sehr viel eher angenommen, wenn du sie im persönlichen Gespräch vorbringst. WhatsApp, Email oder Telefon sind die deutlich schlechtere Wahl. Blickkontakt und Nähe vermitteln deinem Gegenüber sehr viel mehr und echte Wertschätzung.
10. Wenn dir jemand hilft, dann ist er an dem weiteren Verlauf interessiert. Die Infos, wie es gerade läuft, was dir besonders hilft ist mehr wert als ein Dankeschön!
11. Wenn du ein Nein erhalten hast, dann frage notfalls 3-4 weitere Menschen.
12. Du sammelst positive Erfahrungen, wie gut sich das alles anfühlen kann oder welche Entlastung es bewirken kann. Und du wirst routinierter im Umgang mit dem um-Hilfe-bitten.
13. Denke daran, dass es tatsächlich eine Übungssache ist und noch kein Meister vom Himmel gefallen ist.

Gern kannst du mir in den Kommentaren etwas darüber schreiben, was dir am um-Hilfe-bitten schwer fällt oder dich nervt. Was hast du für Erfahrungen sammeln können?
Herzliche Grüße

Kathleen

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