Bevor du los legst

 

Bevor du nach einem Therapeuten suchst, grenze das Problem erst einmal für dich ein:

  • Handelt es sich um Dinge, die dir seit Jahren immer wieder auf die Füße fallen oder im Beruf Schwierigkeiten machen, dann ist der direkte Weg zu einem Coach ganz gut.
  • Hast du aber den Eindruck, dass du gefühlstechnisch im Keller angekommen bist und es dir richtig schlecht geht, dass du vielleicht sehr ängstlich bist oder du dir um alles Sorgen machst? Dann führt dich der Weg zuerst zum Hausarzt. Einige Symptome, wie Schlafstörungen, innere Unruhe, depressive Verstimmungen oder Ängste können ihre Ursache in körperlichen Erkrankungen haben und sollten diagnostiziert und fachgerecht behandelt werden. Da ist der Hausarzt der richtige Ansprechpartner. Er kann gegebenenfalls eine Blutuntersuchung oder die Untersuchung deines Vitaminspiegels anordnen.

Wenn es keine Einschränkungen gibt, also wenn dein Hausarzt sagt, dass du körperlich gesund bist, dann kannst du dich sofort auf dem Weg machen, einen Psychotherapeuten für deine Probleme zu suchen.

 

Kriterien guter Therapeut

Psychologe, psychologischer Psychotherapeut, Psychiater, Heilpraktiker für Psychotherapie – was soll das alles?

 

Ich erkläre dir jetzt einfach mal kurz die unterschiedlichen Berufsbezeichnungen:

  • Ein Psychologe ist jemand, der Psychologie studiert hat. Er hat noch keine psychotherapeutische Ausbildung gemacht. Psychologen erwerben nach dem abgeschlossenen Masterstudium über das Studienfach “klinische Psychologie“ automatisch den Titel „Heilpraktiker für Psychotherapie.
  • Psychotherapeutische Ausbildungen dauern in der Regel 3 Jahre, mitunter sogar länger. Am bekanntesten sind folgende psychotherapeutische Ausbildungen: Verhaltenstherapie, systemische oder Familientherapie, Gestalttherapie, tiefenpsychologische Therapie, Psychoanalyse, Hypnose bzw. Hypnosetherapie.
  • Ein psychologischer Psychotherapeut hat Psychologie studiert und hat eine psychotherapeutische Ausbildung abgeschlossen. Er verschreibt keine Medikamente und kann die Behandlung über die Krankenkasse abrechnen.

 

  • Ein Psychiater hat Medizin studiert und im Anschluss den Facharzt für Psychiatrie oder Neurologie erworben. Der Psychiater hat eine psychotherapeutische Ausbildung, darf Medikamente verschreiben und rechnet über die Krankenkasse ab.
  • Der Heilpraktiker für Psychotherapie muss keine Ausbildung haben. Er muss nur die Prüfung beim Gesundheitsamt ablegen. Das ist erst einmal furchtbar, denn so kann jeder, der sich berufen fühlt, in diesem Beruf Menschen „therapieren“. Die Realität zeigt, dass es außer Scharlatanen auch seriöse und sehr gut ausgebildete Heilpraktiker für Psychotherapie gibt. Diese haben meist eine oder mehrere psychotherapeutische Ausbildungen gemacht und beherrschen sehr wohl ihren Beruf. Sie dürfen keine Medikamente verschreiben und können nicht über die Krankenkasse abrechnen.

9 Kriterien, die dir helfen, einen Psychotherapeuten zu finden, der zu dir passt

 

1. Ausbildung

Schau dir also die Webseite genau an. Psychotherapeut ist ein geschützter Begriff, den nur berechtigte Personen benutzen dürfen. Der Begriff Psychotherapeut besagt, dass eine 3jährige Ausbildung stattgefunden hat. Es gibt Menschen, die sich Therapeut nennen und keine Ausbildung haben. Denn Therapeut ist kein geschützter Begriff.

Verschaffe dir  entweder im persönlichen Gespräch oder bei der Recherche im Internet einen genauen Überblick darüber, ob die Person, die du für dein Anliegen ausgesucht hast, eine fundierte mehrjährige Ausbildung hat.  Die Beschreibungen: „meine Ausbildung habe ich in Mainz, Karlsruhe und München gemacht“ oder „seit 20 Jahren arbeite ich mit Menschen“ sind keine Kriterien für Qualität.

 

2. War die therapeutische Sitzung hilfreich?

Ob die Therapie hilfreich ist, kann man meist schon nach 1-3 Sitzungen beurteilen. Überlege dir, ob du mit der Lösung deines Problems schon etwas weitergekommen bist, ob z.B. die depressiven Symptome schon etwas leichter erträglich sind. Ja, Therapie kann anstrengend sein und die Themen gehen manchmal an die Substanz – grundsätzlich solltest du nach einer Sitzung das Gefühl haben: „es geht voran, es ändert sich etwas“.

 

3. Zugewandtheit

Ein guter Therapeut ist dir emotional zugewandt, aber er redet dir nicht nach dem Mund. Er wird dich also freundlich – aber doch deutlich – mit Dingen konfrontieren, die dir vielleicht nicht angenehm sind. Dafür sollte er sich bei dir aber vorher die Erlaubnis einholen.

Natürlich darf er sich nicht im Ton vergreifen. Du solltest mit seinem Sprachstil gut zurechtkommen. Zugewandt bedeutet, dass er sich nicht hinter seinem Laptop verkriecht oder aufs Handy schaut. Das ist tabu. Er hat dir die ganze Zeit seine volle Aufmerksamkeit zu widmen. Zugewandt bedeutet auch, dass er versucht zu verstehen und nachfragt, was du genau meinst. Du musst dich also sehr verstanden fühlen. Wenn er viel von seinen persönlichen Erlebnissen, oder Familie, oder gar über andere Klienten spricht, ist Vorsicht angesagt.

 

4. Wohlfühlatmosphäre

Es gibt Therapeuten, die die Beratung im eigenen Wohnzimmer oder innerhalb der privaten Wohnung anbieten. Überlege, ob das dein Ding ist. In der Regel sind Privatbereich und Praxisräume gut voneinander getrennt. Praxisräume und die Toilettenmöglichkeit sollten sauber sein. Um sich öffnen zu können, braucht es eine geschützte und freundliche Atmosphäre. Du musst dich in den Praxisräumen wohl und sicher fühlen.

 

5. Datenschutz

Über den Datenschutz kann man lächeln, wenn man das möchte. Ich habe über die Einführung der Datenschutz Grundverordnung geschimpft. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich zwar ganz normal auf den Schutz von Klientendaten geachtet. Aber als ich mich dann mit der DSGVO auseinandersetzte, habe ich begriffen, dass damit die Würde des Menschen geschützt werden soll. Und so habe ich mich aufgemacht, um datenschutzkonform, aber nicht übertrieben viel dafür zu tun, dass die Daten der ratsuchenden Menschen bei mir sicher sind.

Wenn du also nicht aufgefordert wirst, eine Datenschutzerklärung zu unterschreiben, dann kann es durchaus sein, dass dein Therapeut deine Daten nicht richtig schützt bzw. dass ihm der Schutz nicht ausreichend wichtig ist.

 

6. Unabhängigkeit

Im Laufe der Beratung oder Therapie wirst du an den Punkt kommen, an dem du überlegst, ob du den Therapeuten noch brauchst. Du denkst dir: „für alle Fälle sollte ich weitermachen“ oder „ohne Therapie schaffe ich es nie“. Ein guter Therapeut wird entweder eine vorher genau festgelegte Anzahl von Stunden tätig sein. Oder im Laufe der Zeit immer mal wieder sagen: Denken Sie nicht, dass es jetzt an der Zeit wäre, die Beratung zu beenden? Und ihr bearbeitet das Thema zusammen und wägt alle Argumente, dafür oder dagegen, ab.

 

7. Unverbindliches kennen lernen

Ein Therapeut wird sich während der 1. Stunde überlegen, ob er mit seinen Kenntnissen und seiner inneren Struktur gut mit dir zurechtkommt – ob er dir bei deiner Problemlösung behilflich sein kann. Es könne durchaus sein, dass du mit deinen Problemen bei ihm einen wunden Punkt triffst und er nicht objektiv sein kann. Er ist auch nur ein Mensch. Er sollte dann am Ende der 1. Stunde sagen: „Ich kann mit Ihnen nicht arbeiten, weil…“ oder „Ich kann mir vorstellen, mit Ihnen gemeinsam an Ihren Problemen zu arbeiten.“ Das gleiche trifft für dich zu. Am Ende der ersten Stunde hast du das Recht zu sagen, dass der Therapeut für dich nicht infrage kommt. Ausdrücklich muss die Chemie zwischen euch stimmen. Das ist das Minimum. Du solltest nicht mit einem mulmigen Gefühl zur Therapie gehen.

In dieser 1. Stunde geht es auch darum, dass du merkst, ob er dein Problem-zu mindestens in groben Zügen-erkennt. Er wird dir erklären, wie er sich das weitere Procedere vorstellt. Du solltest ausreichend Zeit für eine Entscheidung über eine weitere Zusammenarbeit bekommen. Wenn der Therapeut dich drängt, dann ist das ein Warnzeichen. Meistens wird aber schon am Ende der Stunde klar, ob ihr weiter zusammenarbeiten könnt. Unabhängig davon hast du immer das Recht, die Beratung zu jedem Zeitpunkt zu beenden.

 

8. Transparenz

Du solltest verstehen was in den einzelnen Sitzungen geschieht. Es kann sein, dass bestimmte Verfahren angewandt werden, die dir nicht geläufig oder völlig unbekannt sind, zum Beispiel Interventionen aus der Hypnotherapie. Menschen, die damit noch nicht in Berührung gekommen sind, oder ihre Erfahrungen nur von Bühnenauftritten haben, sind meist irritiert, verunsichert oder ängstigen sich.

Der Therapeut muss dir genau erklären, was er tut und was er damit beabsichtigt. Jedoch sollte immer deine Zustimmung zu dieser Arbeitsweise eingeholt werden. Du musst jederzeit die Möglichkeit haben, eine Sache, die dir nicht guttut oder Unbehagen bereitet, abzubrechen. Und du musst verstehen können, für was eine bestimmte Arbeitsweise gut ist. Frage genau nach.

 

9. Weltanschauung

Dir ist eine bestimmte weltanschauliche Perspektive wichtig. Dann suche dir einen Therapeuten der diese weltanschauliche Sicht vertritt. Dies kann sehr hilfreich sein. Grundsätzlich ist es aber erst einmal so, dass die Weltanschauung des Therapeuten in einer Beratungsstunde nichts zu suchen hat. Kommt das aber immer wieder vor, dann sprich es an, wenn es dich stört.

 

Was, wenn der Therapeut nicht der richtige für mich ist?

Es ist erst einmal völlig normal, dass man sich nicht jedem Menschen anvertrauen kann. Die Chemie muss einfach dafür stimmen. So kann es tatsächlich vorkommen, dass du am Anfang mehrere Therapeuten ausprobieren musst, wenn du dir nicht sicher bist, ob es passt.

 

Herzliche Grüße

Schreibt mir doch, wie ihr bei der Therapeutensuche vorgegangen seid

 

 

*Im Artikel habe ich die männliche Bezeichnung für den Beruf „Therapeut…“ benutzt. Ich habe es mit gendern probiert, aber es war zu kompliziert. Ich hoffe du nimmst mir das nicht übel. Ich weiß, ich hätte auch grundsätzlich nur die weibliche Bezeichnung nehmen können, aber das fühlte sich für mich auch nicht stimmig an.

Kathleen